Kaffee Brand

Gammlerkönig Matthiesen (ganz rechts) bei einem Happening

Draußen vor der Tür steht Werner Matthiesen, der ‚Gammlerkönig‘ von Wilhelmshaven. Unehrenhaft aus der Bundesmarine entlassen, was seinen Ruf in diesen Kreisen noch befördert. In seiner Bude in der Kirchreihe soll es immer hoch her gehen: Gruppensex! Haschisch! Daneben Mac mit der Brille, der behauptet, dass sein wahrer Name Neidhart von Wittenstein sei und seiner Familie unter anderem das Schloss Bückeburg gehört. Die Sippe habe ihn wegen seines Gammlertums ausgeschlossen, aber irgendwann erbt er den ganzen Laden und wird uns alle auf sein Feudalsitz einladen. Ich warte übrigens heute noch darauf. Daneben der blonde Bulle mit seinem hellgrünen Parka. Später Kulissenschieber am Stadttheater von Wilhelmshaven, wo er eine steile Karriere hinlegte. Habe ich zumindest gehört.

Die drei trinken Lambrusco aus der Zweiliterflasche für drei Mark (oder waren es drei Liter für zwei Mark? Ist ja auch egal!). Großzügig wie sie sind, bieten sie mir einen Schluck aus der Pulle an. Ich lehne dankend ab: Ich trinke nur Edler vom Mornag! Zur Not auch Amselfelder. Und Eierlikör! Auf der Straße steht Kasimir, umringt von Neugierigen. Er kommt gerade aus dem Amtsgericht, wo er einen Prozess wegen Körperverletzung gegen den Banter Briten Robert W., den berüchtigten ‚Mann mit der grünen Hose‘ gewonnen hat. Der hatte ihn vor ein paar Monaten übel zugerichtet. Ich kenne Robert aus meiner Kindheit und bin natürlich sein Kumpel. Daher lässt er mich in Ruhe. Robert musste 300 Mark Schmerzensgeld an Kasimir zahlen, die wir am Abend in der Esprita auf den Kopf hauen wollen.

Eine Tasse Kaffee
Artur Märchen aus Kreuzberg
Fred Jahreiss in der Esprita

Gehen wir mal rein. Kaffee Brand ist ein eher unscheinbares Stehcafé und eigentlich trinke ich als Ostfriese ja gar keinen Kaffee. Aber was tut man nicht alles, um ‚in‘ zu sein – zur ‚Szene‘ zu gehören. Ich gehe also zum Tresen und ordere bei Frau Behrens, meiner Lieblingsverkäuferin, einen Kaffee. Mit genug Zucker und Milch kriege ich den auch runter. Mal sehen, wer heute alles hier ist. Mein Gott, da steht ja ‚Märchen‘ alias Artur Raake, der berühmte Malerpoet aus Berlin-Kreuzberg! Schwingt große Reden und schnorrt sich seit Monaten in W’haven durch. Im Moment macht er gerade das Szeneplaygirl Schrubber an. Ob er wohl weiß,

 

dass die beim Vögeln die Zeitung liest? Er hielt sich recht lange in Schlicktau auf. Aber als ihm keiner mehr einen ausgeben wollte, spuckte er ein verächtliches „Scheiß Provinz-Spießer!!!“ aus und fuhr mit dem Liegewagen der Deutschen Reichsbahn in die Mauerstadt zurück. Bei Fred Jahreiss, dem Wirt der Esprita, hat er heute noch 200 Mark auf dem Deckel. Der Typ hat meinen Klassenkameraden Conring mal nach Berlin eingeladen. Der war mehr als erstaunt, als sein Gastgeber ihm sein Zimmer zeigte – im Kohlenkeller! Ja, so war er, der Artur Märchen.

 

vorne (v.l.n.r.): Conring, Joschi, Günner Janßen, unbekannt, Günner Dick. Im Hintergrund Pasttor Tüngerthal (li.) und Eickmeier (re. ?)
Und wir bereuen ÜBERHAUPT NIX!!!
Isolde und ich - 40 Jahre danach

Joschi und Isolde dürfen natürlich auch nicht fehlen. Letztere kenne ich schon seit meiner Kindheit in Kaninchenhausen, wo sie oft ihre Oma besucht hat. Sie war gerade in Bremen und hat sich dort rote, gehäkelte Strümpfe gekauft – der Schocker in der Marktstraße! Und da steht ja Günner Janßen aus meiner Klasse. Der ist seit neuestem Kommunist, später einer der Begründer des SJB! Mit ihren Happenings stellten sie das Establishment unserer Stadt bloß (siehe Fotos).

 

Ich bestelle mir einen Kaffee und stelle mich zu Helmut B., meinem durchgeknallten Kumpel, mit dem ich später in Berlin zusammen wohnen sollte. Damals ein echt cooler Typ, zehn Jahre danach traf ich ihn vor dem Lukullus wieder (siehe dort)! Er hat doch tatsächlich bei Karstadt auf dem Grabbeltisch gerade ‚Non, je ne regrette rien‘ von Piaf für eine Mark abgestaubt. Ein echtes Schnäppchen!

Karstadt 1960
I need you - Spitzenscheibe der Kinks
Eine Feuerzeugbeinzinampulle
So wird's gemacht!

Inzwischen ist es schon dämmerig geworden, Zeit zum Feuerspucken! Wir also rüber zu Karstadt (heute Media Markt), dort gibt es in der Tabakwarenabteilung die kleinen Plastikampullen mit Feuerzeugbenzin, mit dem man sein ‚Zippo‘ nachfüllen kann. Wir kaufen zehn Stück, die Kumpels wollen ja auch mitspucken. Noch mal kurz in den ersten Stock, wo die nette Verkäuferin, auf die ich schon lange stehe, immer ‚I need you‘ von den Kinks für mich spielt. Aber entweder versteht die kein Englisch oder sie kapiert meine Message nicht. Oder interessiert sich nicht für mich. Wahrscheinlich eher Letzteres! Die kann an jedem Finger zehn haben! Auf dem Rückweg gehen wir noch kurz in der Lebensmittelabteilung ‚englisch einkaufen‘ und nehmen ein paar

 

Flaschen Wein mit. Großes Hallo, als wir mit unserer Beute ankommen. Dann geht’s ans Feuerspucken. Ganz einfach: Man beißt die Spitze der Ampulle ab und nimmt das Ding vorsichtig zwischen die Zähne. Dann ein Streichholz angezündet und mit einer Armlänge Abstand vor den Mund halten. Kräftig zubeißen und schon spritzt das Benzin raus und ein Feuerball entsteht. Damit kann man die Spießer auf der Straße richtig schocken! Man muss nur zusehen, dass man gleich den Mund schnell genug wieder zumacht. Sonst ergeht es einem wie Matthiesen, der sich mal den Schnauzer angesengt hat. Übung macht auch hier den Meister!

 

Schüler der Freiherr-vom-Stein-Schule vor Kaffee Brand (ca. 1968/69)