Was es nicht alles gibt - und jeder hat die Wahrheit für sich gepachtet



Religionen

Der Heilige Wladimir Iljitsch Lenin der Cao-Dai-Religion

Mit siebzehn trat ich aus der Kirche aus. Zum einen, um Kirchensteuer zu sparen. Zum anderen aber auch, weil ich der Meinung war, dass die Religionen für viel Leiden und Blutvergießen auf dieser Welt verantwortlich waren und sind. Das gilt für spanische Konquistadoren und nordirische Extremisten genau so wie für islamische Gotteskrieger. Im Grunde meines Herzens war ich immer Atheist. Im reifen Alter von 65 Jahren wurde ich Buddhist. Und warum? Um meine burmesische Frau heiraten zu können. In Myanmar muss derjenige, der eine buddhistische Frau heiratet, auch Buddhist werden. Kein Problem für mich, da der Buddhismus ja die einzige (?) atheistische Religion ist. Glauben konnte ich nach der Kindheit nicht mehr. Dreifaltigkeit! Über’s Wasser laufen! Unbefleckte Empfängnis! Unfehlbarkeit des Papstes! Also, entweder war ich zu dumm, das zu verstehen, oder es stimmte nicht. Und die ganzen Widersprüche zwischen der Lehre und dem, was die Menschen daraus machten. Geistliche, die Kanonen segnen. Bergpredigt ade! Dreißigjähriger Krieg mit seinen Millionen von Toten. Aber eigentlich war es auch egal. Das ist schon alles sehr lange her. Und in der deutschen Gesellschaft nahm die Bedeutung der Religion mehr und mehr ab. Was sich u. a. an der Zahl der Kirchenaustritte ablesen ließ.

Meine Gleichgültigkeit gegenüber Religionen änderte sich, als ich mit meinen Reisen begann. Ich stellte fest, dass die Religion anderenorts – vor allem außerhalb Europas – einen viel höheren Stellenwert einnahm, als ich das kannte. Und was es da nicht alles gab: Islam, Judentum, orthodoxes Christentum, Baha‘i, Parsismus, Hinduismus und Buddhismus in ihren verschiedenen Schattierungen. Und faszinierende animistische Kulte. Um nur ein paar zu nennen. Um die von mir bereisten Länder zumindest zum Teil zu verstehen, musste man die Grundzüge ihrer Religionen kennen. Mich interessierte dabei weniger die Religion selbst, sondern ihre Auswirkungen auf die Gläubigen. Da ich überwiegend in Indien, China und Südostasien unterwegs war, habe ich mich besonders mit dem Buddhismus und dem Hinduismus beschäftigt. Wobei der Schwerpunkt eindeutig auf dem Buddhismus lag. Ich kann leider nicht für mich in Anspruch nehmen, besonders viel darüber zu wissen. Als Reiseleiter lag mein Schwerpunkt immer auf der Interpretation von Wandmalereien, Baugeschichte, religiösen Zeremonien und Legenden wie z. B. den Jatakas. Vielleicht noch die Religionsgeschichte. Bei der eigentlichen Lehre bin ich selten tiefer in die Materie eingedrungen, als es für meinen Job nötig war. Es sei nur am Rande bemerkt, dass ich damit immer noch erheblich mehr von der Religion verstand als diejenigen, die sie praktizierten.

Nehmen wir mal die Reinkarnation: Gemäß der Lehre Buddhas gibt es weder ein Ich (Ich-Illusion) noch eine Seele. Nun glauben aber alle burmesischen Buddhisten ganz fest an die Seele. Man hat da sogar sehr genaue Vorstellungen. Sie hat die Form eines Schmetterlings. Spätestens beim Tode entfleucht er der sterblichen Hülle und inkarniert sich aufs Neue. Man stellt sich das etwa so vor: Der Opa in Mandalay liegt im Sterben. Rein zufällig ist seine Großnichte im Delta schwanger. Also fliegt Opas Schmetterling ins Delta und nistet sich dort im Fötus der Großnichte ein. Opa ist wiedergeboren! Auf die Frage, was denn nun eigentlich wiedergeboren wird, hört man die Antwort: ‚Na ich, wer sonst?‘. Was natürlich mit der Lehre von der Ich-Illusion kollidiert. Ich gebe zu, dass das alles sehr kompliziert ist. Und wenn ich mit meinem akademischen Hintergrund nicht verstehe, wie soll das ein Bauer schaffen? Also entsteht ein sog. Volksglaube, der mit der ursprünglichen Lehre meist nur noch am Rande zu tun hat. General Aung San, der Befreier Burmas, hat das in seinem Aufsatz Burma und der Buddhismus sehr schön zusammengefasst: Er schrieb: ‚Burma ist seit vielen Jahrhunderten ein buddhistisches Land; jedoch, wenn man sich umschaut, kann man nur zu einem Ergebnis gelangen: Die kritische Betrachtung, die Essenz des Buddhismus, fehlt hier‘. Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ich habe in meinem Leben schon tolle Auswüchse von Religionen gesehen: Seien es die Selbstgeißelungen der Schiiten, seien es tibetische Pilger, die die Strecke ihrer Pilgerfahrt mit dem Körper ‚abmessen‘. Oder Massenhysterie beim großen Geisterfest in Taungbyone, Myanmar. Um nur ein paar zu nennen. Vor allem, wenn es um den Tod geht, zeigen sich die Religionen ausgesprochen erfinderisch. Die Türme des Schweigens der Parsen, die Schädelschalen der Tibeter. Oder Mönchsbestattungen in Myanmar. Animistische Totenfeiern in Sulawesi. Leichenverbrennungen am Ufer des Ganges in Benares. Wo ich sah, wie ein Knecht von einer Leiche angepinkelt wurde. Aber was ist das alles schon gegen den Caodaismus? Diese vietnamesische Religion ist wahrhaftig synkretistisch. Hier was geklaut, da was kopiert. Lenin als Heiliger. Das muss einem erst mal einfallen! Aber das Ergebnis ist sehr schön bunt!