Transnistrien!
Die Bevölkerung Moldawiens besteht zu zwei Dritteln aus Rumänen, die sich einen Anschluss an Rumänien wünschen. Was aber von den anderen Bevölkerungsteilen nicht befürwortet wurde. So entstand 1991 die unabhängige Republik Moldawien, deren Amtssprache Rumänisch ist. Die Minderheiten setzten sich gegen die von ihnen als nationalistisch empfundene Politik der Mehrheit zur Wehr, was 1992 in einen blutigen Konflikt mündete. Mit Unterstützung dort stationierter russischer Armee-Einheiten gelang den Separatisten die Abspaltung von Moldawien, und es entstand die de facto unabhängige Republik Transnistrien, die den östlich des Dnjestr gelegenen Teil Moldawiens einnimmt. So weiß es zumindest Wikipedia zu berichten. Und dieses wurmfortsatzartige Gebilde war mein nächstes Ziel.
Die Busfahrt von Chisinau nach Tiraspol, der Hauptstadt Transnistriens, dauert etwas mehr als eine Stunde; die Abfertigung am Grenzposten Bender problemlos. Die Fahrt endete am Bahnhof von Tiraspol, wo derzeit kein Zugverkehr stattfindet. Der Geldwechselschalter war leider nicht besetzt, aber ein freundlicher junger Mann, der recht gut Englisch sprach, wies mir den Weg zum nächsten Moneychanger und begleitete mich sogar ein Stück weit. Dort tauschte ich 80 Euro gegen 1.440 transnistrische Rubel (Kurs 1:18). Dann zurück zum Bahnhof, wo ich mir ein Ticket nach Odessa für den nächsten Tag kaufte (300 Rubel). In Tiraspol gibt es offenbar nicht viele Taxis, daher musste ich den ziemlich überhöhten Preis von 100 Rubel für die Fahrt zum Hotel zahlen. Ich wohnte im Park-Hotel, ganz netter Schuppen, direkt am Dnjestr gelegen. Preis 720 Rubel, schönes Zimmer.
Dann machte ich mich auf zur Stadtbesichtigung: Die Straßennamen waren echt cool und versetzten mich zurück in eine längst vergangen geglaubte Zeit: Strada Rosa Luxemburg, Strada Puschkin, Strada Karl Liebknecht und auch Kalle Marx hatte seine Straße. Eine Straße der Sowjets fehlte ebenfalls nicht. Die Straße des 25. Oktober (Tag der Oktoberrevolution gemäß dem julianischen Kalender) ist offenbar die Prachtstraße der Stadt. Hier befindet sich das Regierungsgebäude, vor dem das Lenin-Denkmal steht. Nachdem ich mir
einen Cappuccino und ein Stück Kuchen gegönnt hatte, ging ich die Straße der Oktoberrevolution Richtung Osten hinunter bis zum Theaterplatz. Ich war begeistert! Genau so hatte ich es mir vorgestellt! Überall Fahnen, riesige Fotowände mit Bildern offenbar verdienter Genossen, viele Gebäude im Zuckerbäckerstil (Dom Sowjetow besonders schön.) Über der Straße hingen Flaggen. Besonders viel war allerdings nicht los an diesem späten Nachmittag; ich begegnete nur wenigen Menschen. Ich lasse die Fotos für sich sprechen.
Der Präsident der abtrünnigen Republik ist ein gewisser Wadim Nikolajewitsch Krasnoselski, der aus der sibirischen Stadt Tschita stammt. Frag mich nicht, wie der da hinkommt. Aber der Präsident der Special Region No. 4 in meiner Wahlheimat Myanmar, Sao Leun alias Lin Mingxian, stammte ja auch von der chinesischen Insel Hainan. Besagter Herr Krasnoselski ist allerdings nur eine Marionette des wahren Herrschers, Viktor Gushan, seines Zeichens ehemaliger KGB-Agent. Herr Krasnoselski war der Chef seines Sicherheitsdienstes und wurde 2015 zum Präsidenten gewählt. 2021 wurde er wiedergewählt; die Wahlbeteiligung lag bei 35 %. Gushans Firmenkonglomerat namens Sheriff (!) zieht die Fäden im Land. Es kontrolliert nahezu alle halbwegs profitablen Geschäftszweige in dem Gebiet: Tankstellen, Supermärkte, Fernsehstationen, Mobilfunknetz und sogar einen Fußballverein.
Der brachte 2021 das Kunststück fertig, Real Madrid in dessen heimischen Bernabéu-Stadion mit 2:1 zu schlagen! Die größte Überraschung in der Champions League überhaupt: Die Gewinnwahrscheinlichkeit betrug 1,6 %! Absoluter Rekord. Beat that! Zwar ging das Rückspiel im heimischen Sheriff-Stadion mit 0:3 verloren, aber das tat der Sache keinen Abbruch mehr. Mein Abendessen nahm ich im Hotel ein, wo ich mir den Räucherlachs aus dem Sheriff-Supermarkt Nr. 20 schmecken ließ. Am Morgen des 12. Mai brachte mich ein Hoteltaxi zum Bahnhof, diesmal bezahlte ich statt 100 nur 35 Rubel! Es dauerte nicht lange, bis der mittelgroße Bus den moldawischen Grenzübergang erreichte und ich das schöne Transnistrien verließ. Dann weiter zur ukrainischen Grenze, die wir in Palanca überquerten.
