Tamilische Sprache

Tiruvalluvar, Verfasser des Tirukkural

Tamilisch erstaunte mich wirklich: Ich hatte gedacht, das sei eine von vielen Sprachen in Indien. Weit gefehlt: Es ist die älteste lebende Literatursprache Indiens (Sanskrit und Pali sind ja lange ausgestorben)! Und richtig kompliziert: Hatte acht Fälle wobei die Grundform manchmal erheblich von der zu deklinierenden Form abwich. Aus dem Nominativ maram* (Baum) wurde der Obliquus marattu und den galt es zu beugen: Akkusativ = marattai, Dativ = marattukku, Instrumentalis = marattal, Begleitfall = marattotu, Lokativ = marattil, Ablativ = marattin und Genitiv = marattu oder marattin – ganz schön kompliziert. Um das Maß vollzumachen, hatten die zwei Wir-Formen: Bei nankal wird der Angesprochene inkludiert, bei nam dagegen nicht!

 

Die Genesis in Tamilisch

Ich dachte, ich spinne: Wie war das möglich, dass Leute die in Strohhütten wohnten, sich so was Kompliziertes ausgedacht hatten! Aber ich ließ mich nicht entmutigen und lernte brav alle Formen. Auffallend war, wie oft die Leute über Geld redeten: Wenn man die Zahlen kannte, konnte man die Hälfte verstehen – ohne natürlich zu wissen, worum es ging. Manchmal gab’s auch was zum Lachen, denn diese Tamilen hatten klasse Sprichwörter, die sich z. T. selbstkritisch mit ihrer Leidenschaft für Geld (panam) beschäftigten.

Adiga acei adiga nastam = wer viel begehrt, wird viel verlieren! oder

Panam eNRal, pinamum vayeit tiRakkum = sage ‚Geld’ und selbst ein Leichnam wird seinen Mund öffnen!

Und das Tollste: Einige Wörter der Tamilsprache hatten gar Eingang ins Deutsche gefunden. Ja, ins Deutsche! Unter anderem besagter maram: Zusammen mit dem Wort kata (zusammenbinden) ergab sich der bekannte Katamaran – was aber im Tamilischen Floß bedeutet. Wir staunten nicht schlecht! 

Im Tamilischen gab es auch jede Menge Lehnwörter: Nicht nur aus dem Sanskrit (das waren Tausende), sondern sogar aus dem Portugiesischen: Das Tamilwort für Tisch (mecei) war von mesa (oder so ähnlich … ) abgeleitet. Die kannten vor dem Eintreffen der Portugiesen keine Tische.

Da es offenbar keine vernünftigen Lehrwerke in dieser Sprache gab, benutzten wir eines von Pierre Meille, einem Franzosen, der in der französischen Kolonie Pondicherry gelebt hatte. Sein Introduction ou Tamoul war ein Tamilisch-Lehrbuch für französische Kolonialbeamte. Zum Glück stand auch noch alles ganz klein in Englisch darunter, so konnten wir es für unsere Studien benutzen. Als Wörterbuch diente uns der Fabricius, legendäres Werk des evangelisch-lutherischen Missionars Johann Philipp Fabricius, herausgegeben 1779 und später von Dres. Rottler und Winslow erweitert. Herausgeber unserer Ausgabe von 1910 war die Ev.-Luth. Mission Leipzig unter Schriftführung von H. Beisenherz. Es gab sogar eine Grammatik: Hermann Beythan, einer von Prof. Pinnows Lehrern, hatte die Praktische Grammatik der Tamilsprache verfasst, herausgegeben 1943 in Leipzig. Und Mein Kampf ins Tamilische übersetzt! …