Moldawien
Der Freundschafts-Nachtexpress von der Gara de Nord in Bukarest nach Chișinău ist der Hammer. Eine echte Legende, die sogar schon im Eurovision Song Contest besungen wurde: Mit dem Song ‚Trenulețul’ (rumänisch für „Der kleine Zug“) ging die moldauische Folk-Punk-Gruppe Zdob (si) Zdub feat. Fratii Advahav in Turin an den Start. Wie es hieß, fiel der Auftritt mit der Wiedereröffnung der Eisenbahnverbindung zusammen, die aufgrund von COVID-19 einige Zeit lang unterbrochen war. Der Song belegte Platz 7, wobei 239 der 253 Punkte aus der Public-Tele-Vote kamen. Also der wahre Sieger! Wer einen Trip mit dem Freundschaftsexpress plant, sollte sich unbedingt das Video anschauen: https://youtu.be/bGNT5Uh-WKw?si=0v0WOPNsKjy9Tosa
Der Zug vermittelt echtes Sowjet-Luxusreisen-Feeling. Abteile und Gänge waren mit Teppichen ausgelegt; im Gang hingen Blumenampeln mit Plastikblumen. Die Fenster waren mit geschmackvollen Gardinen verhängt. Das Personal unfreundlich, wie inzwischen schon gewohnt in den ehemaligen sowjetischen Satellitenstaaten. Time Warp in die gute Stube meiner Eltern in den 50er-Jahren! Auf diese Weise war vermutlich Josef Stalin 1945 von Moskau nach Potsdam gereist. Ich teilte mir ein Zweibettabteil mit einem jungen französischen Lehrer. Er erzählte mir, dass er von Rouen (?) bis Bukarest mit dem Bus gefahren sei. Nun freue er sich auf die Zugfahrt. Wir unterhielten uns sehr nett und sprachen über Rock- und Popmusik. Französische Musik (abgesehen von Chansons à la Piaf) war noch nie mein Favorit, immerhin kenne ich Johnny Hallyday, Jacques Dutronc und Michel Polnareff. Zu meiner Überraschung kannte er die französische Progressive-Rock-Band Gong nicht. Er erzählte mir, dass er in Chisinau den größten Weinkeller der Welt besichtigen wollte. Franzosen … Irgendwann fielen uns die Augen zu.
Mitten in der Nacht wurden wir unsanft geweckt: Grenzkontrolle in Ungheni! Aussteigen leider verboten. Ein mürrischer Beamter schaute sich unsere Pässe an und ging dann weiter. Kurze Zeit später kam ein Eisenbahner mit einem Tablett, auf dem ein großer Metallstab mit einem Haken dran lag. Er schob den Teppich beiseite und darunter wurde eine runde Metallplatte sichtbar. Er hob sie ab, führte den Metallstab in die Öffnung und zog einen langen, stählernen Viertelstab heraus. Den legte er auf das Tablett und zog einen weiteren heraus, bis alle vier darauf lagen. Dann schob er das Tablett unter mein Bett und verließ das Abteil. Als wir aus dem Fenster schauten, sahen wir, dass der Waggon sich langsam anhob. Dann fiel bei mir der Groschen: Wechsel auf die russische Breitspur! Unser Abteil lag offenbar genau über dem Fahrgestell, daher der Besuch des Eisenbahners. Unter uns rumpelte und schepperte es und wir hörten Hammerschläge. Dann ging es langsam wieder hinunter. Nach einiger Zeit erschien der Eisenbahner erneut und schob die Viertelstäbe zurück in ihre Halterung. Deckel drauf, Teppich drüber – und fertig war’s. Low Tech at its best – aber funktioniert!
Auf der russischen Breitspur ging es weiter nach Chisinau, kurz darauf dämmerte es schon. Pünktlich um 7:44 erreichten wir Chisinau. Mein Reisegefährte hatte nur wenig Gepäck und verabschiedete sich schnell, während ich meinen schweren Koffer mit Mühe aus dem Zug wuchtete. Der Bahnhof von Chisinau (russisch Kischinjew) ist so modern wie menschenleer und dient offenbar auch als Ausstellungsraum für moderne Kunst à la Moldawien. Ich irrte ein wenig umher und entdeckte schließlich einen Money Changer. Leider geschlossen! Also ging ich nach draußen, wo ein paar Taxis warteten. Der Fahrer freute sich, dass ich ihn mit Euro bezahlte. Vor dem Bahnhof gab es eine Art Open-Air-Markt, dort standen und saßen viele Leute, die ihr spärliches Second-Hand-Warenangebot feilboten. Irgendwie deprimierend …
Ich hatte mir ein Zimmer im Hotel Chisinau reserviert, einem riesigen Bau aus der Sowjetzeit. Ich wollte das echte Sowjetzeit-Feeling erleben. Und ich bekam es! Das Zimmer war recht preiswert für so einen Luxusbau. Ich checkte ein, die Rezeptionistin sprach sogar ganz gut Englisch. Das Zimmer war recht groß mit gusseisernen Heizkörpern, die in mir ungute Erinnerungen wachriefen: Als Student hatte ich eine Zeit lang im Heizungsbau geschuftet. Normalerweise waren die Heizkörper aus Stahl, aber manche Kunden bevorzugten Gusseiserne. Die halten nämlich ewig – und sind elendig schwer! Während man von Stahlheizkörpern einen Block von zehn Rippen problemlos vier Treppen hochschleppen konnte, sah das bei Gusseisen anders aus – da wog eine Rippe schon 12 Kilogramm. Die Heizkörper wurden auch in Zehner-Blöcken angeliefert, mussten aber auseinandergenippelt werden. Und oben wieder zusammengenippelt! Scheißarbeit!!
Das Bad war blau gekachelt, 60er-Jahre-Stil. Fair enough! Frühstück war inbegriffen, d. h. man bekam an einem Kiosk im Hotel eine Tasse Kaffee und einen Donut. Na ja … Zu meiner Verwunderung schien ich der einzige Gast in diesem Riesenbau zu sein. Später bemerkte ich, warum. Die Heizung funktionierte nicht, desgleichen Warmwasser im Bad. Nun konnte ich ja schlecht erwarten, dass man wegen eines Gastes die Zentralheizung anwirft. Man gab mir einen Heizlüfter, der jedoch nach 3 Minuten seinen Geist aufgab. Dann brauchte der erst mal eine Stunde Erholung. Nach ca. einer Viertelstunde kam sogar lauwarmes Wasser aus der Leitung. Aber für eine Nacht war es o.k. Dann ging ich zum Busbahnhof, wo ich endlich Geld wechseln konnte: 18 moldawische Lei = 1 Euro. Ich kaufte mir für den nächsten Tag ein Busticket nach Tiraspol (57 Lei).
Ich hatte schon immer den Verdacht gehegt, dass Moldawien das Vorbild für den Alternativ-Reiseführer ‚Molwanien, Land des schadhaften Lächelns‘ war. Und lag richtig! Ich kam an großen Märkten vorbei, auf denen Billigkleidung und viel Tinnef verkauft wurde. Und Smartphones aller Art! Das Ganze machte einen sehr ärmlichen Eindruck. Moldawien ist nicht umsonst das ärmste Land Europas. Mein Knie machte mir immer noch zu schaffen und zu meiner Überraschung gab es Voltaren. Das Essensangebot war unappetitlich, sodass ich mir lieber ein Brot kaufte. Das auch nicht besonders schmeckte. Alles in allem ein Ort, an dem man sich nicht gern lange aufhält, zudem es ungemütlich kalt war. Nach einer durchfrorenen Nacht machte ich mir eine Tasse Tee und nagte ein wenig an meinem Brot. Auf das Hotelfrühstück verzichtete ich. Dann checkte ich aus und freundlicherweise erlaubte man mir, meinen schweren Koffer im Gepäckraum aufzubewahren. Gratis!
Ich fuhr mit dem Taxi zum Busbahnhof und machte mich auf den Weg nach Tiraspol, der Hauptstadt des Autonomen Gebiets Transnistrien. Moldawien hat eine recht interessante jüngere Geschichte. Historisch gesehen gehörte das Gebiet lange Zeit zu Rumänien, in Deutschland war es bekannt als Bessarabien, wohin seit Beginn des 19. Jahrhunderts viele Deutsche ausgewandert waren. 1940 annektierte die Sowjetunion das Gebiet, wie im geheimen Zusatzprotokoll des Hitler-Stalin-Paktes vereinbart, und es entstand die Moldauische Sowjetrepublik mit der Hauptstadt Kischinjew (Chisinau). Die fast 100.000 Bessarabiendeutschen siedelten nahezu vollständig ins Deutsche Reich aus. Mit Beginn des deutschen Angriffs auf die Sowjetunion rückten Truppen des rumänischen Verbündeten in das Gebiet ein und annektierten es. Im Verlaufe des Krieges eroberte die Sowjetunion das Gebiet zurück, und die Moldauische SSR entstand neu.
