Odessa - das Juwel der Ukraine

Meine kleine Stalin-Devotionalien-Sammlung

An der moldawischen Grenzkontrollstelle mussten wir aussteigen und zur Immigration gehen. Die Ausweiskontrolle war schnell erledigt und dann ging es wieder in den warmen Bus, der uns zur ukrainischen Seite brachte. Dort stieg ein Grenzsoldat zu, der die Reisedokumente kontrollierte. Während alle anderen Passagiere im Bus sitzen bleiben durften, wurde ich herausgebeten und mein Gepäck einer Kontrolle unterzogen. Ich hatte in jedem der von mir besuchten Länder ein paar Münzen für die Nichten meiner Frau gesammelt, die ich achtlos in eine Seitentasche meines Gepäcks geworfen hatte. Diese erweckten großes Interesse bei dem Kontrolleur. Er schaute sich jede einzelne ausgiebig an, wobei ich mir sicher war, dass er sie nicht identifizieren konnte, da sie diversen Schriften wie Georgisch, Hebräisch usw. aufwiesen. Dann wühlte er weiter und fand den kleinen Karton, in dem ich meine Stalin-Souvenirs verpackt hatte (siehe Georgien-Besuch). Ich musste ihn öffnen und der Mann erbleichte. Ich fragte ihn, ob irgendetwas nicht in Ordnung sei. Er nickte nur, ging davon und kam mit einem offenbar höherrangigen Beamten zurück. Der schaute sich die Sachen an und wurde sehr unwirsch. „What’s the problem?‘, fragte ich ihn. ‚“Yes, Stalin! Big problem!“ Vor allem die Stalin-Büste schien ihn sehr zu verärgern. Es schien, als ob der ehemalige Diktator der Sowjetunion hier nicht sehr beliebt sei. Irgendwie verständlich angesichts des Holodomors, den der in der Ukraine verursacht hatte. Ich bot an, die Sachen an der Grenze zurückzulassen und sie bei meiner Ausreise wieder mitzunehmen. Das war ihm aber auch wieder nicht recht. Er raunzte mich noch mal an und dann konnte ich alles wieder einpacken. Meine Mitreisenden waren schon etwas ungeduldig geworden und froh, als es weiterging. Meine Stalin-Büste sorgte übrigens auch bei der Abreise aus Chisinau nochmals für Aufsehen. Nach der X-Ray-Handgepäckkontrolle musste ich sie wieder auspacken. Der kontrollierende Beamte hielt sie hoch, machte eine Bemerkung und alle Umstehenden lachten. Leider verstehe ich kein Moldawisch bzw. Rumänisch, sonst hätte ich mich auch amüsieren können.         

Schließlich erreichten wir den Busbahnhof in Odessa. Dort wechselte ich ein paar Euro und die restlichen transnistrischen Rubel in ukrainische Währung (Kurs: 1 Euro = 46 Hrywnja). Und es gelang mir, dort eine SIM-card zu erwerben! Ein Problem weniger. Dann kaufte ich mir ein Busticket für die Rückfahrt nach Chișinău.

Das Londonskaja Hotel
Spa des Londonskaja Hotels
An der Potemkinschen Treppe
Verhülltes Denkmal des Duc de Richelieu

ODESSA! Die schönste Stadt der Ukraine, wenn nicht der ganzen Sowjetunion selig. Bekannt durch die ‚Akte OdeSSA‘ von Forsyth und das Doppelalbum der Bee Gees. Obwohl beide eigentlich mit der Stadt nichts zu tun haben. Sei’s drum. Ich hatte mir zum Abschluss meiner Reise noch mal ein gutes Hotel gegönnt, das mir von meinem Freund Stephan Passon empfohlen worden war: das ‚Londonskaya‘ – eines jener Fin-de-Siècle Hotels, die ich so liebe, mir aber selten leisten kann bzw. will. Sei es das ‚Winter Palace‘ in Luxor, das ‚Raffles‘ in Singapore oder das ‚Pera Palas‘ in Istanbul. Einge von ihnen befinden bzw. befanden sich seit langer Zeit auf dem absteigenden Ast, sodass sie auch für mein Budget erschwinglich sind; wie z. B. das ‚Strand‘ in Rangoon bis zu dessen Umbau in den 90er-Jahren oder das ‚Baron’s‘ in Aleppo.

Das Viersternehotel liegt direkt neben der berühmten Treppe, die zum Schwarzen Meer hinunterführt. Ich hatte ein schönes Zimmer mit Blick auf den Garten, wenn auch nicht die Marcello-Mastroianni-Suite.

Das Hotel hat ein sensationelles Wellness-Zentrum mit einer großen Schwimmhalle, einem Gym, einer Sauna und einem Dampfbad, zur Benutzung für Hotelgäste gratis. Dort verbrachte ich schöne Stunden. Die Gäste waren überwiegend Einheimische. Das Frühstück war gut und reichhaltig.

Mein erster Weg führte mich natürlich zu jener 142 m langen Treppe. Wer Eisensteins Film ‚Panzerkreuzer Potemkin‘ gesehen hat, wird die Szene nicht vergessen, in der Kosaken Zivilisten die Treppe hinunterjagen und massakrieren, die den Meuterern auf dem Panzerschiff zujubelten. Damals sollen etwa fünfhundert Menschen ums Leben gekommen sein. Besonders beeindruckend die Szene mit dem Kinderwagen, die übrigens in de Palmas Film ‚The Untouchables‘ kopiert wurde.  Am oberen Ende der Treppe steht die Statue des Armand Emmanuel du Plessis, Duc de Richelieu, des ersten Gouverneurs von Odessa. Sie war zu meinem Erstaunen komplett verhüllt, wohl um sie vor russischen Angriffen zu schützen.

Die Oper von Odessa
Woyna, Woyna
Gedenkwand für Kriegsopfer (?)
Museum mit Laokoon-Gruppe

Ebenso wie in Jerusalem, der dritten Station meiner Reise, hatte ich mir anfangs Sorgen wegen eventueller russischer Angriffe gemacht. Daher schaute ich gelegentlich nach oben, um zu sehen, ob ein Drohnen- oder Luftangriff im Gange war. Doch nach kurzer Zeit gewöhnte ich mich an die Situation. Odessa ist eine sehr schöne Stadt – zumindest die Altstadt mit vielen repräsentativen Bauten. Sehr spektakulär die Oper, für die ich leider keine Karten bekommen konnte. Ich bummelte durch die Straßen, die Atmosphäre war sehr entspannt. Zu meinem Erstaunen waren auch viele Männer im wehrfähigen Alter hier unterwegs, die ich eher an der Front 

vermutet hätte. Nicht, dass ich es ihnen nicht gegönnt hätte …  Tja, dann war es schon Zeit für die Rückreise nach Chișinău. Dort holte ich meinen Koffer im Hotel Chisinau ab – eine Nacht dort war mehr als genug gewesen! Ich hatte mir ein Zimmer in einem kleinen Hotel gebucht, war o.k., das Frühstück war inkludiert, wenn auch etwas  gewöhnungsbedürftig. Am nächsten Tag dann zum Airport und mit Wizz Air Malta nach Berlin, wo mich Annette am Flughafen erwartete.