Jerusalem
Und dann ging’s mit Aegean Airways nach Tel Aviv, nur ein kurzer Hüpfer, aber eine andere Welt. Bei der Einreise fragte mich ein Beamter der Immigration, was ich denn in Israel wolle. Ich antwortete: „Auf den Spuren Jesu Christi wandeln.“ Das schien ihn zu überzeugen. Ich tauschte ein paar Euro (1 Euro = 4 Schekel) und ging schnurstracks zur S-Bahn-Station, wo der Zug nach Jerusalem abfuhr. Der dortige S-Bahnhof (Yitzchak Navon) liegt 80 m unter der Erde, einer der tiefstgelegenen Bahnhöfe weltweit. Es dauert ewig, bis man das Tageslicht erblickt. Ich fuhr mit einem Taxi zu meinem Hotel. Dort teilte man mir mit, dass ich anderweitig untergebracht würde, weil in ‚meinem‘ Hotel gebaut wurde. Die ‚Ersatzlösung‘, das Eyal Hotel, war ein Upgrade, sehr gute Lage, schönes Zimmer, nahe der Ben Yehuda Street (Fußgängerzone). Der günstige Preis (80 Euro) galt allerdings nur für eine Nacht; die nächste Nacht hätte bereits 140 Euro gekostet. So suchte ich mir eine neue Bleibe, ein Airbnb-Service-Apartment in der Nähe des Mahane-Yehuda-Marktes. Kostete 80 Euro, günstig für dortige Verhältnisse. Denn Jerusalem ist sehr teuer: Eine Kugel Eis kostet 5 Euro, eine Flasche Wasser 2 Euro. Halbwegs erschwinglich war Streetfood wie Pizza usw. (2,50 Euro). Auch die Nutzung des Internets scheint dort sehr teuer zu sein. Ich kaufte mir eine SIM-Card, aber die war ruckzuck leer, obwohl ich sie nur für Google Maps benutzte.
Mein erster Weg führte mich in die von einer Mauer umgebene Altstadt, zur Grabeskirche. Ich wanderte die Via Dolorosa hinunter, auf der sich weiland Jesus Christus zur Kreuzigung schleppte. Und wo der Schuster Ahasverus ihm verwehrte, sich auf seiner Türschwelle auszuruhen. Er ist schuld daran, dass die Juden zur ewigen Wanderschaft verflucht sind. So erzählt es zumindest die Legende. Diverse christliche Konfessionen (griechisch-orthodoxe, römisch-katholische, armenische, syrisch-orthodoxe, koptische und äthiopisch-orthodoxe) teilen sich die Verwaltung und sind sich – wie ich las – spinnefeind.
Die Protestanten dürfen wohl nicht mitmachen. Das Öffnen und Schließen der Kirche obliegt kurioserweise den muslimischen Familien Nuseibeh und Joudeh, denn die christlichen Gemeinschaften konnten sich intern nicht einigen. Mönchsgezänk vom Feinsten. Die ganze Geschichte um Jesus’ Kreuzweg ist sehr verwirrend; es gibt ‚x‘ verschiedene, teilweise widersprüchliche Versionen. So gibt es außerhalb der Stadtmauer das Gartengrab, leider nur an bestimmten Tagen zugänglich. Wie auch immer – sehr beeindruckend, wie die ganze Altstadt Jerusalems.
Am nächsten Tag besuchte ich die Klagemauer, das letzte Überbleibsel des herodianischen Tempels. Es gibt dort verschiedene Abschnitte: an einem beten die Frauen, am anderen die Männer. Letzterer hat auch einen klimatisierten Abschnitt, was ich sehr angenehm fand. Es war beeindruckend, den Männern mit Gebetsriemen und Schläfenlocken beim Gebet an der Klagemauer zuzuschauen. Einige schienen in eine Trance verfallen zu
sein. Man muss dort eine Kopfbedeckung tragen, meine Don’t-Panic-Cap wurde anstandslos akzeptiert. Das ganze Areal ist schwer bewacht, Besucher müssen Metalldetektoren passieren. Einige schienen in eine Art Trance verfallen zu sein. Man muss dort eine Kopfbedeckung tragen, meine Don’t-Panic-Cap wurde anstandslos akzeptiert. Das ganze Areal ist schwer bewacht, Besucher müssen Metalldetektoren passieren.
Anschließend machte ich mich auf den Weg zum Dome of the Rock, der auf dem Plateau über der Klagemauer liegt. Ich und die anderen Besucher mussten eine Zeit lang warten, bis eine kleine Pforte geöffnet wurde. Vorher natürlich Metalldetektor. Der Dome of the Rock hat ein goldenes Dach. Von hier ist Mohammed gelegentlich auf seinem mythischen Ross namens Bouraq, so eine Art muslimischer Pegasus, zum Siebten Himmel hinaufgeritten. Dort traf er nacheinander Adam, Jesus, Johannes den Täufer, Enoch, Aaron, Moses
und Abraham, bis er schließlich den Thron Gottes erreichte. Der gab ihm etliche Anweisungen betr. Glaubensausübung, unter anderem, dass täglich fünfzig Mal (!) gebetet werden müsse. Auf Anraten Moses sprach Mohammed noch einmal mit Gott, und es gelang ihm, die Zahl der Gebete auf fünf pro Tag runterzuhandeln. Believe it or not! Dome of the Rock – das klang doch sehr vielversprechend! Als ich ankam, fragte mich der Doorman, was meine Religion sei. „Rock’n’Roll! What else?“. Sorry, Zutritt nur für Moslems.
Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Bus Nr. 234 vom Damaskus-Tor nach Betlehem. Die Stadt liegt im Westjordanland, d. h. im sog. Palästinensischen Autonomiegebiet, von den Israelis Judäa und Samaria genannt. Dort wurde nach Angaben der Bibel Jesus Christus geboren. Riesige Mauern trennen das Gebiet von Israel ab; wir mussten etliche Checkpoints passieren. Unser Bus kam relativ problemlos durch, aber Privatautos wurden stark gefilzt. Die Spannung war fast greifbar. Es sind nur knapp 10 km von Jerusalem nach Betlehem, doch man betritt eine andere Welt. Genauer gesagt: die Dritte Welt! Was für ein Kontrast zu Jerusalem! Heruntergekommene Häuser, vermüllte Straßen, verhüllte Frauen. Dazwischen schmucke israelische Siedlungen, meist auf Hügeln.
In Betlehem stieg ich aus und fuhr mit dem Taxi zur Geburtskirche. Es war nicht weit. Der Eingang ist nur 1,20 m hoch, sodass ich mich klein machen musste, um einzutreten. Die Kirche selbst ist recht groß. Auch hier Querelen zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen. Zweimal kam es dort sogar zu Schlägereien zwischen armenischen und griechisch-orthodoxen Priestern, die von der Polizei beendet werden mussten. O Sancta Simplicitas! Ich blieb nicht lange in Betlehem und war froh, als ich wieder in Jerusalem war. Dort bummelte ich noch ein bisschen umher, besuchte u. a. die 1910 eingeweihte Erlöserkirche, ein protestantisches Gotteshaus mit einem etwa 50 m hohen Turm (kein Fahrstuhl!), von dem aus man einen großartigen Blick über Jerusalem hat. Kaiser Wilhelm II. spendete großzügig für den Bau.
Ich hatte mir vor meinem Besuch in Israel ein bisschen Sorgen gemacht. Freunde hatten mich gewarnt: „Das ist doch ein Selbstmordkommando!“. Das Auswärtige Amt hat ja eine Reisewarnung herausgegeben. Was für mich in der Regel eine Reiseempfehlung ist, denn es bedeutet: weniger Touristen, niedrigere Preise, entspannteres Reisen. Anfangs schaut man schon über die Schulter, wenn man irgendwo steht. Kommt da vielleicht ein wild gewordener, messerschwingender, „Allahu akbar“-rufender Terrorist auf mich zu? Oder ein unauffälliger Selbstmordattentäter mit Sprengstoffgürtel? Oder schießen vielleicht die Huthis eine Rakete ab, die mich in Staub und Asche verwandelt? Aber nach kurzer Zeit lässt die Anspannung nach und man bewegt
sich völlig normal. Die zahlreichen mit Maschinenpistolen bewaffneten Soldaten (oft junge Frauen) tragen ebenfalls zur Beruhigung bei. Rein zufällig war ich am Holocaust Memorial Day (Yom HaShoah, 24. April) in Jerusalem. Um 10 Uhr morgens heulten die Sirenen, und das Leben erstarrte für zwei Minuten zum Gedenken an die Opfer des Holocausts. Es war ein wenig wie in einem Science-Fiction-Film. Gegenüber meinem Hotel hatte man am Tag zuvor ein kleines Areal mit Stacheldraht umzäunt, in dem sich gegen Abend ein paar junge Frauen in KZ-ähnlichen Anzügen mit Judenstern aufhielten und Flugblätter verteilten. An vielen Orten sah man Poster, die an das Schicksal der von der Hamas verschleppten Geiseln erinnern sollten.
