Jazz im Wilhelmshaven der 60er-Jahre
JATZ!!! So nannten wir damals in W`haven den Jazz! Die Freunde dieser Musikrichtung waren eine Minderheit in der Jugendszene unserer Stadt. Die meisten ‚progressiven‘ jungen Leute standen auf englische und amerikanische Rockmusik. Von den Freunden des deutschen Schlagers á la Manuela und Drafi Deutscher sei hier vornehm geschwiegen.
Mein (leider längst verstorbener) Nachbar Uwe Wilters in der Lindenstraße hatte neben den üblichen Rockplatten (und Bob Dylan!) auch ein paar Jazz-Singles. Ich erinnere mich an die Engländer Chris Barber (Petite Fleur und natürlich Ice Cream), Mr. Acker Bilk (Stranger on the Shore), die dänische Papa Bue`s Viking Jazzband, Cannonball Adderley und die Hamburger Old Merrytale Jazz Band mit ihrem Hit „Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln geh`n“. Letzteres fand ich ziemlich doof, aber das war ja auch „Zicken-Jazz“, wie ich irgendwann mal erfuhr.
Ich selbst besaß sogar eine Jazz-LP vom Dave Brubeck Quartet, die ich mir gekauft hatte, weil ich „Take Five“, „Rondo“ und „Castilian Drums“ so super fand. Für einige Zeit fand ich Modern Jazz gut, obwohl ich keine Ahnung hatte, was das ist. Leider kam die LP mir im Jugendheim an der Otto-Meentz-Straße abhanden: Loddar Behnke zwang mich, sie ihm zu ‚leihen‘, weil er das Drum-Solo in ‚Castilian Drums‘ so schau fand. Ich sah sie nie wieder …
Die Jazzfreunde waren irgendwie anders als wir Rock’n’Roller – irgendwie intellektueller … Ich bewunderte sie heimlich, konnte mich aber mit ihrer Musik nicht richtig anfreunden. Unter meinen Klassenkameraden gab es einen Jazzfreund: Uwe Gremmel! Ein sehr netter Kerl, der in der Schule ähnlich schlecht war wie ich. Während meine Stärken auf den Feldern Geschichte und Erdkunde lagen, konnte Uwe nur Musik. Aber das wie Donnerhall. Wenn wir bei Musiklehrer Gäbel Noten raten mussten, sagte Uwe uns immer vor: und wieder eine Drei gesichert! Konsequenterweise widmete Uwe sich komplett der Musik und studierte am Konservatorium in Hannover Klavier. Wo er es sogar zu einer Professur brachte, während ich nur einen Doktor schaffte.
Er spielte in seiner Jugend in einer W´havener Jazzband mit, den Oilport Jazz Fellows (siehe Fotos). Neben ihm spielte auch sein älterer Bruder Weert (Posaune) in der Band.
Letzterer erwarb sich unvergänglichen Ruhm, als er zusammen mit ein paar Freunden im Suff versuchte, den von Frau Lehmann-Bilaudelle erschaffenen Marabu vor der Stadtbücherei zu reiten.Der erwies sich leider als instabil und kippte um. Ein Riesenskandal in der Jadestadt! Viele Schüler der Freiherr-vom-Stein wussten Bescheid, aber alle hielten dicht. Daraufhin setzte die Polizei eine Belohnung von 500 DM für die Ergreifung der Täter aus und die Kameradenscheine Schnur und Löffelbein verpetzten sie und kassierten die Belohnung. Doch sie wurden ihres Judaslohns nicht froh, denn von da an waren sie Outcasts. Schande über sie!
Die Jazz-Fellows spielten sogar im berühmten Alluvium in Oldenburg. Ich entsinne mich an eine ‚Battle of the Bands‘ in W´haven, zu der Uwe seine Klassenkameraden einlud. Ihr Kontrahent war die Flower Street Band aus dem von uns Schlicktauern verachteten Oldenburg. Obwohl wir unsere Jungs nach Kräften anfeuerten, gewannen die Oldenburger. Ganz klarer Betrug! Und was sagte Uwe? „Die waren besser als wir!“ …
Die Wilhelmshavener Zeitung widmete den Musikern sogar einen Artikel:
Oilport Jazz Fellows
Einige (!) der wenigen Dixieland-Bands, die heute noch in Norddeutschland anzutreffen sind. Für diese 7 jungen Musiker ist der Jazz ein Hobby. Seit 2 Jahren wird in mancher freien Stunde klassischer New Orleans und Dixieland eingeübt. Auch Sie sollen sich an den schmetternden Trompeten-, Posaunen- und Klarinettenklängen der Oilport Jazz Fellows erfreuen.
Besetzung:
Uwe Gremmel, Trompete;
Weert Gremmel, Posaune;
Günther Rebentisch: Klarinette;
Rolf Sebastian, Drums;
Peter J. Klein (re.), Banjo;
Hartmut Tykarski, Banjo;
Rainer Schöning, Bass (nicht im Bild)
