Armenien
Am Tag darauf verließ ich Jerusalem, fuhr mit der S-Bahn nach Tel Aviv und bestieg meinen Fly-One-Armenia-Flieger nach Yerevan, der Hauptstadt Armeniens. In Deutschland auch Eriwan genannt. Seinerzeit bekannt für seine Radiostation. Bei Ankunft regnete es (übrigens das einzige Mal während meiner Reise!) und ich nahm den Airport-Bus in die Stadt, Endstation nahe der Oper. Annette hatte mir über Airbnb ein Apartment in der Vargash-Vargashian-Straße reserviert. Es gibt dort Bolt-Taxis, die man über eine App bestellen kann. Sehr schön – wenn man denn eine SIM-card hat. Was bei mir nicht der Fall war. Aber ich weiß mir ja zu helfen! Ging zu einem Kiosk und der Inhaber bestellte das Taxi für mich. Zahlbar in bar, das Geld (450 Dram = 1 Euro) hatte ich schon am Airport getauscht. Das Apartment lag in einem Soviet-Style-Wohnblock nicht weit vom Stadtzentrum entfernt. Dessen Anblick war ein kleiner Schock für mich. Das Treppenhaus völlig heruntergekommen und schlecht beleuchtet. Das Apartment selbst war o.k., alles, was man brauchte. An erster Stelle eine Waschmaschine! In der Nähe gab es diverse Supermärkte; dort deckte ich mich erst mal mit Lebensmitteln ein. Und kaufte mir eine SIM-card (10 Euro).
Am nächsten Tag erkundete ich Yerevan. Zu meiner Überraschung gab es dort eine richtige U-Bahn, genannt Metro. Der Zugang zum Bahnhof Barekamutyan in meiner Nähe war ein bisschen schwierig zu finden, denn die Station ist ein riesiger Basar. Eine rumpelnde Rolltreppe beförderte mich und die anderen Passagiere hinunter zum Bahnsteig. Dort konnte man für 100 Dram (ca. 25 Cent) an der Kasse eine Fahrkarte kaufen, mit der man das gesamte Netz abfahren konnte. Die Züge sind basic, aber brauchbar; die Stationen sauber.
Ich fuhr in die Downtown (Republic Square) und ging zur Tourist Information. Nette Leute. Der Platz erweckte bei mir sofort die Assoziation: Freies Schussfeld, wie in allen sozialistischen Staaten. Als Erstes ging ich ins Museum für armenische Geschichte. Armenien war das erste Land der Welt, welches das Christentum annahm (301 A.D.). Die armenische Kirche gehört zu den altorientalischen Kirchen, also nicht zu den griechisch- oder russisch-orthodoxen Kirchen. Wie in allen Museen in den zehn früheren Sowjetrepubliken, die ich bisher besucht habe, gab es auch hier eine Abteilung für die sowjetische Periode bzw. Besatzungszeit, wie sie es nennen. Dort wird allgemein ziemlich negativ mit der Sowjetunion selig abrechnet: Man sieht Folterkammern, Fotos verschwundener Personen, Dokumente usw. Danach braucht man erst mal einen Kaffee …
Schon bei meiner Ankunft am Vortag hatte ich an der Oper riesige ‚Carmen‘-Plakate gesehen. Ich ging zur Oper und kaufte mir eine Karte für den Abend, Preis 6.000 Dram. Vertretbar. Offenbar waren einige der Bolschewiki Opern- bzw. Theaterfreunde, die diese Kunst förderten, denn in jeder größeren Stadt der Sowjetunion gibt es ein solches Haus und es wird freudig angenommen. So zumindest mein Eindruck. Auch in den anderen ’sozialistischen‘ Ländern spielte sie eine große Rolle. Und die Preise sind günstig, sodass sich die Bevölkerung einen Besuch der Vorstellungen leisten kann. Anschließend bummelte ich durch die Stadt, stoppte mal hier,
mal dort, trank einen Cappuccino und aß ein Stück Kuchen. Am Abend dann ‚Carmen‘. Ich bin kein Freund des modernen Theaters à la ‚Kalldewey – Eine Farce‘ oder von klassischen Schauspielen, in denen Max Piccolomini als Bürohengst mit Birkenstock-Sandalen und Aktentasche daherkommt. Statt Stulpenstiefel und ein Schwert zu tragen, wie es sich gehört. Hier in Yerevan war ‚Carmen‘ ganz im alten Stil arrangiert. Die Darsteller und Tänzer sahen aus wie Spanier, und die Musik (Toreador-Lied) klang so, wie ich sie von der Schallplatte kannte. Ich war zufrieden!
Am nächsten Tag fuhr ich mit dem Sammeltaxi nach Echmiadzin, wo die heiligste aller Kathedralen des Landes steht. Sehr imposant, muss ich schon sagen. Ich hatte in Yangon mal einen armenischen Priester namens Zaven Yazichyan kennen gelernt, netter Kerl. Der hatte das Gotteshaus an der Kreuzung Merchant und Bo Aung Kyaw Street in Downtown neu geweiht. Ich kenne in Yangon ein paar Armenier, unter anderem den Vorsteher der Gemeinde, Herrn Minus. Sein Urgroßvater (?) war Minister am Hofe König Mindons in Mandalay. Auch in Kalkutta hatte ich vor ewigen Zeiten mal einige Armenier getroffen. Der Priester und ich haben ein bisschen geplaudert und es stellte sich heraus, dass er Miss Purdy aus Kalkutta kannte. In deren Guesthouse hatte ich mal gewohnt. Jene gute Frau, die mir erzählte, dass ein Jude seine Finger zählen würde, nachdem er einem Armenier die Hand geschüttelt hätte. Armenier und Juden haben einiges gemeinsam: Über die ganze Welt zerstreut und beide Völker sind Opfer eines Holocaust geworden. Darüber hinaus lebt nur eine Minderheit der Völker im eigenen Land (Israel oder Armenien). Mehr als die Hälfte der Juden lebt in der Diaspora, bei den Armeniern sind es gar zwei Drittel. Unter den Letzteren haben es etliche zu Ruhm und Ansehen gebracht. Man kann sie leicht an ihrem Namen erkennen, der immer auf ‚ian‘ endet.
Wie z. B. Shahnourh Vaghinag Aznavourian, besser bekannt als Charles Aznavour. Oder Cheryl Sarkisian, die unter dem Namen Cher zu Weltruhm gelangte. Kim Kardashian gehört vermutlich ebenfalls zu der Sorte, wenn sie auch nicht unbedingt ein Ruhmesblatt für ihr Volk ist. Aus meiner Kindheit erinnere ich mich noch an Calouste Gulbenkian, bekannt als ‚Mr. Five Percent‘ , der ein extrem reicher Geschäftsmann und Philantroph war. Und – nicht zu vergessen – Andre Agassi, der Ehemann von Steffi Graf, dessen Familie die letzte Silbe des Nachnamens gestrichen hatte, um der Verfolgung zu entgehen. Aram Khatchaturian hatte ich ja schon erwähnt, ebenso meinen Freund Richard Minussian aus Yangon, dessen Namen die Engländer zu Minus verkürzten, wie er mir erzählte. Schach ist in Armenien Nationalsport und wird sogar in der Schule unterrichtet. Etliche bekannte Schachspieler wie Tigran Petrosjan und Garry Kasparow sind ebenfalls Armenier. In Echmiadzin traf ich einen freundlichen älteren Priester und fragte ihn auf gut Glück, ob er Zaven Yazichyan kenne. Und glaubt es oder nicht: Er kannte ihn! Erzählte mir, dass er jetzt eine armenische Kirche in Tbilisi (Tiflis), der nächsten Station meiner Reise, leite. Na, so ein Zufall! Ich nahm mir vor, ihn dort zu besuchen.
Anschließend ging es zurück nach Yerevan. Inzwischen hatte mich das Opernfieber gepackt (ich gehe sonst äußerst selten mal ins Theater oder in die Oper) und ich kaufte mir eine Karte für das Ballett ‚Spartacus‘, komponiert von keinem Geringeren als Aram Khachaturjan. Ich muss zugeben, dass sich meine Kenntnisse der klassischen Musik auf deren Gassenhauer beschränken: ‚Kleine Nachtmusik‘, ‚Für Elise‘, ‚Also sprach Zarathustra‘ (Sonnenaufgang), Beethovens ‚5. Sinfonie‘ (Da da da – daaa!!) usw. Aber Bruckners 4. Sinfonie (Die Romantische) habe ich sogar in meiner CD-Sammlung. Ebenso wie Sibelius‘ ‚Karelia Suite‘. Meine erste Bekanntschaft mit Letzterer und verdanke ich der – Rockmusik: ‚Karelia Suite‘ von The Nice! Khatchaturians
‚Sabre Dance‘ kannte ich von Love Sculpture, Top-Hit in den späten 60er Jahren. Allerdings musste ich für das Ballett tiefer in die Tasche greifen. 40 Euronen! Khatchaturian war zu Sowjetzeiten einer der angesehensten Komponisten des Landes, für die Armenier ist er trotz seines ‚sowjetischen‘ Backgrounds einer der Größten ihres Volkes. Neben mir saßen zu meiner Verwunderung zwei nette junge Chinesinnen aus Shanghai, wo ich des Öfteren mal war. Wir plauderten über die Rentnerband des Peace Hotels und den Jin Mao Tower, in dem ich oft als Reiseleiter übernachtet habe. Sie erzählten mir, dass sie die europäische Kultur bewunderten und sich in den von ihnen besuchten Orten immer Opern anschauten. Die beiden konnten sogar ganz passabel Englisch. Wieder ein gelungener Abend.
Mein Freund Helmut hatte mir erzählt, dass es nicht weit von Yerevan, in der Ortschaft Garni, einen sehr interessanten griechischen Tempel gäbe. Angeblich der ‚östlichste‘ seiner Art. Eines der ältesten und beeindruckendsten Klöster des Landes sei auch nicht weit entfernt. Also hin! Nach einigem Suchen fand ich den klapprigen Bus, der in der Nähe des Gai-Busbahnhofs abfuhr und dann ging es durch die Countryside nach Garni. Im Gegensatz zur recht modern anmutenden Stadt Yerevan sieht es auf dem Land aus, als ob die Zeit stehen geblieben sei. Zerfallene Bauernhäuser, kaputte Traktoren, Frauen mit Kopftüchern – die alte Sowjetunion ließ grüßen!
Der Tempel von Garni ist beeindruckend. Er liegt an einer Schlucht und wurde vermutlich im 2. Jahrhundert A.D. erbaut, als Armenien zur römischen Provinz geworden war. Möglicherweise hat der Tempel eine Statue
des Kaisers Trajan beherbergt. Anderen Quellen zufolge gilt König Tiridates als Bauherr, der den Tempel dem Gott Mithras weihte. Das würde bedeuten, dass der Bau im 1. Jahrhundert A.D. erfolgte. Sei’s drum, der Tempel wurde 1679 bei einem Erdbeben zerstört. Die Bauteile blieben aber in situ, sodass man den Tempel von 1969 bis 1975 wieder aufbauen konnte. Dort traf ich zwei indisch aussehende Familien und nachdem ich ein bisschen Mäuschen gespielt hatte, erkannte ich, dass es Tamilen waren. Ich fragte, was sie hierhergeführt hätte, und sie erzählten mir, dass sie in Dubai arbeiteten und hier Urlaub machten. Natürlich kam ich nicht umhin, meine weitgehend verschütteten Kenntnisse der tamilischen Sprache wieder hervorzukramen. Ich beeindruckte mit tamilischen Sprichwörtern wie „Oru nalla madukku or adi, oru nalla manithanukka oru col“ (‚Ein guter Ochse braucht nur einen Schlag, ein guter Mann nur ein Wort‘). Die waren echt baff!
Weiter ging’s mit dem Taxi zum nahe gelegenen Kloster Geghard. Das in einer Schlucht gelegene Kloster haute mich wirklich um! Phantastische Atmosphäre, in einer halbdunklen Kapelle sangen zwei Frauen armenische Kirchenlieder. Das Kloster wurde im 4. Jahrhundert von Gregor dem Erleuchter erbaut und beherbergte wichtige Reliquien wie den Speer, mit dem Jesus am Kreuz gequält worden war (heute im Kloster
Echmiadzin). Einige Teile des Klosters sind direkt aus dem Fels geschlagen; eine heilige Quelle gibt es dort auch. Die Hauptkapelle wurde allerdings erst 1215 erbaut. Bis heute ist es einer der bedeutendsten Wallfahrtsorte des Landes geblieben. Dann zurück nach Garni und weiter mit dem Bus nach Yerevan.
