Istanbul zum Zweiten
Am nächsten Morgen flog ich über das Schwarze Meer nach Istanbul und konnte unterwegs die beeindruckenden, schneebedeckten Gipfel des Kaukasus bewundern. Der höchste Berg Georgiens, der Dychtau, ist höher als der Mont-Blanc! Der Flug endete in Sahiba Gökcen, wo meine Reise so unheilvoll begonnen hatte. Von dort aus mit der Metro nach Sirkeci, den Rest des Weges zu meinem Hotel legte ich zu Fuß zurück. Der Weg hinauf zum Ottoman Hotel Imperial führt über eine steile Kopfsteinpflastergasse – ein Umstand, der mir noch Unannehmlichkeiten bereiten würde. Ich hatte nur eine Nacht in Istanbul eingeplant; am nächsten Abend fuhr mein Zug vom Bahnhof Halkali in Istanbul nach Sofia.
Ich hatte überlegt, mir ein Bad im legendären Çagaoglu Hammam zu gönnen, wie schon 1975 zusammen mit meinem Freund Uwe. Weiß nicht mehr, wie viel wir damals bezahlt haben, aber es können wohl nicht mehr als 5 DM gewesen sein. Heute kostet der Spaß 90 Euro – mindestens! Ich verzichtete dankend. Auch mein Dinner im Pudding Shop musste ausfallen, weil es keine gefüllten Paprika gab, die ich seinerzeit immer gern gegessen habe. Am Abend besuchte ich eine Vorstellung der Tanzenden Derwische in einer Medresse nahe der Divan Yolu. War sehr unterhaltsam. Nach der Vorstellung wollte ich eigentlich zum Dinner in ein Restaurant gehen, aber die Massen an Touris und die Preise verdarben mir den Appetit. So kaufte ich mir im Supermarkt an der Ecke etwas.
Ich hatte einen late checkout bekommen und trieb mich noch ein bisschen auf der Divan Yolu herum (der Basar war leider geschlossen). Immerhin war der Buchmarkt geöffnet, wo ich mir ein Exemplar von Dostojewskis ‚Notes from the Underground‘ und ‚Utopia‘ von Thomas More als Reiselektüre für meine Bahnfahrten kaufte. Was mir bei letzterem Buch besonders gut gefiel, war eine Sitte der Utopier vor der Hochzeit. Die Ehekandidaten mussten sich einander splitternackt präsentieren. Schließlich kaufe man ein Pferd ja auch nicht, bevor man unter den Sattel geschaut hat. Gute Idee! Ein Foto der Konstantinssäule aus dem vierten nachchristlichen Jahrhundert. Hat sich für ihr Alter ganz gut gehalten.
So gegen 16 Uhr machte ich mich auf den Weg vom Hotel zum Metro-Bahnhof Sirkeci. Ich war schwer beladen. Neben meinem großen 20 kg schweren Koffer mit Büchern schleppte ich auch einen Backpack und eine Tasche. Es kam so, wie es kommen musste. Auf der besagten steilen Kopfsteinpflastergasse stolperte ich direkt vor einem Restaurant und fiel auf die Nase. Die gleich fürchterlich blutete. Ein Mitarbeiter des Restaurants half mir auf, besorgte mir einen Stuhl und sicherte mein Gepäck. Ich legte den Kopf in den Nacken, um die Blutung zu stillen. Dann erzählte ich, dass ich im um die Ecke gelegenen Hotel gewohnt hätte. Ich hatte mich gerade gereinigt, als ein Elektromobil meines Hotels vorfuhr. Das brachte mich dann sicher zum Bahnhof. Hätte denen auch etwas früher einfallen können … Ich hatte mir beim Sturz auch ziemlich das rechte Knie aufgeschlagen. Nachdem ich in Halkali angekommen war, besorgte ich mir Eis zur Kühlung meines Knies und setzte mich in den Sanitätsraum, den die Eisenbahner freundlicherweise für mich aufgeschlossen hatten. So verbrachte ich die Zeit bis zur Abfahrt des Zuges.
